Ingenieurbauwerk sichtbar gemacht.

Blick in die Tiefe

Eine Platzgestaltung der besonderen Art wurde an prominenter Stelle am Schauspielhaus in Kassel 2005 in Angriff genommen. Die Anlage mit periskopartiger Betonskulptur und einem Bügeldach, gibt den Blick frei auf ein einmaliges Ingenieurbauwerk, das sonst dem Auge des Stadtbesuchers verborgenen geblieben wäre.

Die Stadt Kassel ist durch ihre natürliche topographische Lage im besonderen Maße begünstigt. Durchflossen von der Fulda, rundum umgeben von den Höhen des Habichtswaldes, des Kaufunger Waldes und der Söhre, ergibt sich eine natürliche Gliederung des gesamten Stadtgebietes. Die Höhenunterschiede innerhalb des bebauten Stadtgebietes weisen eine gute Vorraussetzung für eine einfache, aber gut funktionierende Schwemmkanalisation auf. Das Absturzbauwerk wurde in diesem besonderen Fall zur Entlastung des Hauptsammelkanals vorgesehen. Entlastungsanlagen dienen dazu, das Wasser der Kanäle einer Mischwasserkanalisation bei starken Regenfällen abzuleiten. Bei Niederschlägen füllen sich die Kanalrohre schnell und die große ankommende Wassermenge kann nicht zügig genug abfließen. Damit sich das Wasser nicht zurückstaut werden diese Entlastungsanlagen an bestimmten Stellen eingeplant, sodass hier das stark verdünnte und grob gereinigte Abwasser direkt in einen Vorfluter abgeschlagen wird.

Das Absturzbauwerk muss neben dem Aufnehmen der großen Wassermengen bei Regen und dem Reinigen des Mischwassers eine zusätzliche Funktion erfüllen. In diesem Bauwerk muss eine einströmende Wassermenge von max. 5 m³/s von 12 auf 0 Meter herunterführen und dabei die Fließgeschwindigkeit auf ein Minimum verringern (Energievernichtung).  Um die großen Wassermengen mit ihrer gewaltigen Energie zu „bändigen“, wurden Podeste in regelmäßigen Abständen in das Bauwerk eingearbeitet. 

Durch diese Vorgehensweise wird die Fallgeschwindigkeit beim Herunterstürzen reduziert mit gleichzeitiger Energievernichtung. Das im Sohlbereich ankommende Mischwasser kann dann mit reduzierter Fließgeschwindigkeit in Richtung Kleine Fulda abfließen.

Diese Bauart des Absturzbauwerks ist für die in der Stadt Kassel befindliche Abwasserableitungsanlage eine Besonderheit, die mit absoluter Wahrscheinlichkeit auch die Einzige bleiben wird.

Die Hangkante, die sich vom „Weinberg“ über die „Schöne Aussicht“, den Friedrichsplatz bis hinüber zum „Rondell“ erstreckt, ist ein wesentliches Merkmal der Kasseler Stadtsilouette. Um von der Stadt den Fluss zu erreichen, muss man stets diesen Topographiesprung überwinden. Die einzigen Verknüpfungen von der Stadt zu ihrem Fluss bestanden vor Baubeginn nur über die neue Fußgängerbrücke am Renthof hinüber zur Unterneustadt und dem Treppenabgang zur Karlsaue vom Friedrichsplatz aus. Der Bauplatz des Absturzbauwerks liegt zwischen dem Ensemble des Staatstheaters und der Dokumentahalle und dem Regierungspräsidium. Durch die Realisierung des Bauwerkes in Kopplung mit einer Treppenanlage konnte ein entscheidendes Bindeglied zwischen der fußläufigen Achse Königsplatz - dem Wohnquartier Entenanger - Hessenkampfbahn und der Drahtbrücke geschaffen werden. Der Bauplatz befindet sich innerhalb einer denkmalgeschützrten Kulturanlage. Dieser Aspekt und die Verfüllung des Hanges mit Kriegstrümmern aus dem 2. Weltkrieg stellten die wesentlichen Parameter bei der städtebaulichen Positionierung und architektonischen Gestaltung des Bauwerkes.

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